SONNTAGNACHMITTAG

Es war ein schöner sonniger Sonntagnachmittag, einer von der Sorte, an denen man mit der Familie einen Ausflug in die Freiheit der Natur unternahm. Das saftige, grüne Gras wurde zum Himmelbett, die Düfte des Grases und der Pflanzen stimmten zufrieden und der azurblaue Himmel lud ein zum hinaufstarren. Anschließend saß man gemeinsam mit Freunden und den Nachbarn im gepflegten Garten und grillte bis spät in die beginnende Nacht hinein. Die Erwachsenen erzählen sich dann lustige Anekdoten und die Kinder gucken mit glänzenden Augen abwechselnd dem flackernden Feuer oder den funkelnden Sternen zu.

Und genau in dieser freien Natur saß ein Junge auf einer Wiese nahe einem Wald und spielte ganz allein mit seinem über alles geliebtem Hündchen, einem zehn Wochen alten Huskiewelpen. Seine Eltern vergnügten sich einige hundert Meter entfernt in einem erfrischenden Wildbach und beachteten ihn und das Hündchen nicht. Ohne es zu merken setzte ganz in der Nähe ein getarntes, außerirdisches Raumschiff zur Landung an. Genau in dem Moment, als der Junge das Stöckchen des Hündchens in weitem Bogen, zufällig in Richtung des landenden Raumschiffes, warf, es traf, das Stöckchen senkrecht nach unten abtropfte und der Huskie das Stöckchen schnappte, berührte das Raumschiff den Erdboden. Entsetzt und stumm vor Angst mußte der Junge mitansehen, wie sein heißgeliebter Welpe von etwas unsichtbarem in die Erde gedrückt wurde.

Anscheinend hatte man auch im Raumschiff gemerkt, daß etwas nicht stimmte, denn mit einemmal öffnete sich aus dem Nichts eine kleine Tür, eine Plattform wurde ausgefahren und fünf fingergroße amorphe Gestalten besahen sich erst den Fleck, auf dem sie gelandet waren und dann den aus starren Augen blickenden Jungen. Mit einem winzigen Traktorstrahl hoben sie den Jungen leicht an und bugsierten ihn zu sich hin. Mit Gesten versuchten sie den Jungen aufzuwecken, doch erst eine Stimulation der Nerven mittels Elektroschock brachte ihn wieder in die Normalität. Die fünf, grünlich pulsierenden, Amorphen fuchtelten wild mit ihren Extremitäten, doch weder sie selbst noch der Junge wußten was das bedeuten sollte.

Dann öffnete sich ein etwa dreimal so großes Schott und ein doppelt so großer Amorpher, der violett pulsierte, bewegte sich hinaus. Er benutzte einen Micro-Translator, der an seinem … Hals hing, um mit dem Jungen zu kommunizieren. Es stellte sich dann heraus, daß die Amorphen, der Violette war der Kommandant und hieß Chach, aus dem Wega-System kamen und hier auf der Erde ihren Urlaub verbringen wollten. Chach entschuldigte sich vielmals für das Unglück mit dem Welpen und versprach, dem Jungen einen Wunsch zu erfüllen. Das Hündchen könnten sie zwar nicht wiederbeleben, doch sie könnten ansonsten fast alles.

Nachdenklich ging der Junge umher und überlegte sich gründlich, was er sich wünschte. So erfüllten ihm die Amorphen seinen Wunsch, so zu sein wie Superman und mit Lichtgeschwindigkeit fliegen zu können. Die Amorphen beseitigten noch ihre Spuren und flogen dann weiter in Richtung Karibik. Der Junge indes beschloß vor lauter Glück, ersteinmal das Sonnensystem zu erkunden.

Im Rausch schoß er mit Beinahe-Lichtgeschwindikeit auf die Venus zu, umrundete sie mehrfach und setzte dann an, den Saturn zu erforschen. Innerhalb einiger Tage war er mehrfach durch das Sonnensystem geflogen, hatte die amerikanische Flagge mit “Schwarzenegger for President!” bekritzelt, sie auf dem Mars in den Boden gesteckt und Grimassen rundherum in den Sand gemalt und hatte auf dem Mond mit Mondgestein den Eiffelturm, Big Ben, die ägyptischen Pyramiden und ein Riesenwaffeleis nachgebaut. Doch bald hatte er schon alles gesehen und so wollte er die Grenzen des Systems verlassen und in Richtung Wega aufbrechen, um die Heimat der Amorphen zu besuchen. Vergessen waren seine Eltern und sein dahingeschiedenes Hündchen.

Er wußte zwar, welcher Stern am Nachthimmel die Wega war, doch hatte er nicht bedacht, daß das Wega-System unendlich weite 27 Lichtjahre entfernt ist. Unterwegs beobachtete er immer wieder so viele interessante Dinge, daß es ihm gar nicht auffiel, daß er älter und älter wurde. Er war gefangen von der Faszination der Unendlichkeit. Als er die Wega erreichte, entdeckte er gerade mal einen Planeten, und der schimmerte blau und war völlig mit Wasser überzogen. Als er dies sah, bekam er Heimweh, sehnte sich nach seinen Eltern und der Erde. Da er auch die Amorphen nicht entdeckte, beschloß er, so schnell wie möglich nach Hause zu fliegen.

Nach nocheinmal mehr als 27 Jahren Flugdauer erreichte er das Sonnensystem, daß seine Heimat ist. Doch irgendetwas schien sich verändert zu haben. Die Sonne war viel größer als Normal und die Sonnenprotuberanzen trafen mit voller Wucht Merkur. Und als er die Erde erblickte, sah er nicht die blau-weiße Kugel, sondern einen Dreckklumpen, der orange-braun leuchtete.

Es sind während seines langjährigen Fluges zur Wega, aufgrund der Zeitdilatation, auf der Erde etliche Jahrmillionen vergangen und die Menschheit wie er sie kannte und vor über 55 Jahren seiner Eigenzeit verlassen hatte, existierte nicht mehr. Er hatte nun alles verloren. Voller Verzweiflung, Trauer und Wut nahm er resigniert Kurs auf die Sonne …