I.L.D.

»Ich liebe Dich!«

Mit einem verklärt-hoffenden Ausdruck im Gesicht, meine Erwiderung erwartend, blickte sie mich an. Sie erwartete von mir, daß ich ihre Gefühle teilte. Mit ihr. Doch dem ist nicht so. Sie ist eine meiner besten Freundinnen, jedoch mehr nicht. Wie soll ich ihr das sagen? Einfach frei heraus? Nein, das wäre womöglich zu hart. Sie legte ihre ganze Hoffnung, ihre ganze Liebe, in diese Worte. Das kann ich nicht mit einigen belanglosen Worten zunichte machen. Aber wie erkläre ich ihr, daß ich nicht mehr als Freundschaft für sie empfinde?

Zugegeben, häßlich ist sie nicht, eben “normal”, Durchschnitt. Und es gibt Seiten an ihr, die ich bisher bei niemandem sonst fand. Sie hat Humor, ist intelligent, sehr ausgeglichen, immer freundlich, ist kreativ und voller Ideen und ist absolut loyal. Negatives gibt es auch bei ihr, doch es sind Dinge, die mich nicht sonderlich stören. Und ein sanfter Stoß in die richtige Richtung behebt das bei ihr. Aber trotz allem fehlt mir das gewisse Etwas, das was bei mir im Kopf “Klick” machen läßt.

Ich bin gern mit ihr zusammen, sie versteht meine Auffassung der Welt, weiß, wie ich die Dinge sehe. Sie toleriert mich, wie ich bin. Ebenso, wie ich sie toleriere. Doch mehr ist es nicht. Es ist zwar mehr als einfache Freundschaft, aber keine Liebe. Jedenfalls von mir aus. Meine Gefühle für sie sind eher die eines Bruders zu seiner Schwester, ohne die verwandtschaftlichen Zwiste.
Und was sage ich ihr jetzt?

Sage ich: »Schön für dich, aber ich dich nicht.«

Nein, zu unsensibel. Dann fängt sie an zu weinen. Dafür bin ich zu sensibel.

Oder: »Danke! Aber, weißt du …«

Nicht schlecht, aber dann müßte ich ihr erklären, warum es nichts wird. Das kann ich aber nicht plausibel.

Oder: »Tust du nicht. Du glaubst es nur.«

Auch recht hart. Dadurch bringe ich ihre Gefühle nur noch mehr durcheinander. In dieser Situation nicht gut.

Oder: »Ich mag dich auch.«

Süffisant vorgebracht, der Todesstoß schlecht hin.

Oder: »Bitte versteh doch, daß …«

Ja was eigentlich? Daß du die Freundin bist, die jeder haben sollte? Daß ich dich unglaublich gern habe, bloß nicht zum liebhaben?

Oder: »Laß mich einen Moment darüber nachdenken.«

Dann hat sie einen Knacks weg und ich steh da als herzloser Idiot.

Oder: »Ich liebe Dich auch!«

Der einfachste Weg, aber wahrscheinlich eine Sackgasse.

Was, wenn ich mich doch mit ihr einlasse, es mit ihr versuche? Vielleicht sind wir doch für einander bestimmt, gehören zusammen? Und wenn wir herausfinden, daß wir das was wir an uns haben nirgendwo sonst finden? Vielleicht brauche ich keinen Zündimpuls in meinem Kopf, sondern einen Felsen in der Brandung? Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, und dort ist sie und erwartet mich. Eine Konstante in der heutigen variablen Welt. Eine Gemeinschaft die allem trotzt. Ich kenne sie so gut wie wohl kaum ein anderer, wird es dadurch langweilig werden? Nein, sie steckt so voller Leben und alles weiß ich beileibe nicht.

Doch, den Rest meines Lebens mit ihr verbringen? Ich weiß nicht recht. Einerseits mag ich sie sehr, so sehr sogar, daß ich mir vielleicht doch vorstellen könnte, mit ihr zusammenzukommen. Andererseits …

Es wiegt so schwer.

»Ich liebe Dich!«